Jack-Russell-Terrier vom HutwinkelJack-Russell-Terrier vom HutwinkelJack-Russell-Terrier vom Hutwinkel

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Quelle: Erik Zimen "Der Hund"
Dieser Text gibt nicht in allen Einzelheiten meine persönliche Meinung wieder, zeigt aber sehr wohl einige Themenbereiche auf, über die - wie ich glaube - jeder Hundebesitzer nachgedacht haben sollte.

Die sieben Todsünden der Hundehaltung

Bei aller Begeisterung für den Hund ist und bleibt er ein Hund, den wir weder glorifizieren noch zur Sache degradieren dürfen. Den richtigen Weg zwischen diesen beiden Polen zu finden und damit auch dem Hund gerecht zu werden, scheint uns besonders schwerzufallen. Das äußert sich nicht nur in extremer Vernachlässigung, Ausbeutung, Brutalität auf der einen oder grotesker Überfürsorge auf der anderen Seite, sondern auch in der Art und Weise des täglichen Umgangs mit dem Hund, die wir alle inzwischen als Norm empfinden, die uns nicht weiter auffällt, weil sie so in dem uns vertrauten Kreis üblich ist.

Der degenerierte Hund

Bis vor hundert Jahren hat die im Hausstand zwar veränderte, aber weiterhin vorhandene natürliche Auslese weitgehend dafür gesorgt, daß alle der Eignung des Hundes abträglichen Mutationen und genetischen Neukombinationen aus allen Populationen und Zuchtlinien bald wieder eliminiert wurden. In allen für den Hund und seine Fortpflanzung weiterhin lebenswichtigen Funktionsbereichen hatte sich wenig verändert, in anderen Bereichen änderte sich das Verhalten in Anpassung an die neuen Lebensbedingungen zu seinem Vorteil. Erst die moderne Hundezucht hat in Verbindung mit den verbesserten Kenntnissen der Tiermedizin genetisch bedingte Degenerationserscheinungen hervorbringen und auch erhalten können, die dem Hund körperlich und psychisch schaden, seine Abhängigkeit von menschlicher Fürsorge erheblich ausgeweitet haben und den langfristigen Fortbestand mancher Zuchtlinien in Frage stellen. Der Drang des Menschen, wenn er schon selbst nicht dazu in der Lage ist, sich doch zumindest mit Hilfe seines Besitzes von der Norm abzuheben und aufzufallen, hat wohl einst die Vielfalt auch des Hundes mitbewirkt. Heute aber bedroht dieser Hang zum Ausgefallenen diese historisch entstandene Vielfalt durch zunehmende Degeneration. Die normative Kraft des Bestehenden und des Geldes macht viele Verantwortliche in den Rasseverbänden und viele Züchter blind vor den Qualen der Hunde, die sie produzieren, vor dem Ärger der zukünftigen Besitzer und vor den möglichen Folgen für die Zukunft ihrer Rasse. Daher ist von dieser Seite wohl keine Umkehr zur Normalität, keine Abkehr von dem Zuchtziel zunehmender Degeneration zu erwarten. Deshalb sollten die nationalen und internationalen Dachverbände tätig werden. ... In den Rassenstandards müßte zudem größeres Gewicht auf die gewünschten Verhaltenseigenschaften der Rasse gelegt und Eignungsteste eingeführt werden. ... Der Hund ist zwar ein Produkt künstlicher Auslese, aber deshalb noch lange kein beliebig zu manipulierendes Kunstprodukt. Hunde sind zudem keine Produzenten von Milch, Eiern oder Fleisch wie die Tiere in der landwirtschaftlichen Nutz-üerhaltung. Auch hier sind die genetischen Deformationen beklagenswert und bedürften der Kontrolle des ethisch Vertretbaren. Wenn aber aus purer Lust am Abstrusen Tiere zum Objekt menschlicher Gewinnsucht werden, bekommt das Ganze eine Dimension des völlig Überflüssigen. Die Auswüchse der heutigen Hundezucht sind nicht mehr tolerabel. Der Hund ist ein lebendes Wesen mit einem Recht auf physische und psychische Unversehrtheit.

Der Hund als Ware

Der Hund ist ein soziales Wesen. Die einzelnen Phasen seiner sozialen Entwicklung, die mit der Bindung an und der baldigen Loslösung von der Mutter und den Wurfgeschwistern beginnt, mit der Sozialisation auf den Menschen und schließlich mit der Bindung an einzelne Personen ihren Abschluß findet, erfolgen in bestimmten Zeitabschnitten. Daher ist eine zu frühe Wegnahme von der Mutter abträglich für die natürliche Verhaltensentwicklung des Hundes. Weitere Bindungswechsel stellen mit zunehmendem Alter des Hundes ebenfalls schwere Belastungen dar. Zwar ist wohl fast jeder Hund anpassungsfähig genug, neue Bindungen einzugehen, trotzdem sind für keinen die Bezugspersonen beliebig austauschbar. Vor allem der ältere Hund verkraftet eine endgültige Trennung von seinem »Familienrudel« sehr schwer. Wenn er gar einfach ausgesetzt wird, vor der Ferienreise etwa, wie es unbegreiflicherweise immer häufiger geschieht, handelt es sich um schwerste Tierquälerei. Um mißbräuchlichen Handel mit Hunden soweit wie möglich zu verhindern, wäre es wünschenswert, wenn sich alle Zuchtverbände dem Vorbild derjenigen anschließen würden, die die Zahl von Zuchthündinnen, die jeder Züchter halten darf, auf wenige beschränkt, ebenso die Zahl zulässiger Würfe pro Hündin limitiert und den Preis ihrer Welpen für alle gleich gestaltet. Welpen sollten zudem vor ihrer achten Lebenswoche nicht von der Mutter getrennt werden dürfen. Der Versandhandel von Hunden ist gottlob jetzt gesetzlich verboten, aber auch der anonyme Verkauf in Kaufhäusern oder Zoogeschäften sollte unterbunden werden. Damit könnte man den verbandsexternen Massenzüchtern das Handwerk legen. Nur der direkte Kauf beim Züchter wäre dann möglich, wo jeder Kunde sich selbst ein Bild vom Zwinger machen kann. Jeder Käufer sollte zudem das Recht haben, den gekauften Welpen binnen einer gewissen Frist dem Züchter zurückzugeben. Den Handel mit ausgewachsenen Hunden zu verbieten wäre dagegen sinnlos und zudem unzweckmäßig. Hier bleibt nur der Appell an jeden Hundebesitzer, die einmal eingegangene Bindung mit dem Hund, die auch eine Verpflichtung darstellt, nicht leichtfertig wieder zu lösen. Umgekehrt sollte man als Jäger, Schäfer, Hundesportler oder gar für den rein privaten Gebrauch auch keinen fertig abgerichteten Hund kaufen, sondern sich die Freude machen, den Hund selbst großzuziehen und auszubilden. Zugleich hilft man damit, den Handel mit erwachsenen Hunden zu reduzieren. Denn weniger als alle anderen Tiere ist der Hund in seiner Bindung zum Menschen eine Ware.

Der falsche Hund

Eine Voraussetzung für eine möglichst dauerhafte und harmonische Mensch-Hund-Beziehung ist, daß sich der angehende Hundebesitzer den für sein Naturell und seine Lebensbedingungen richtigen Hund auswählt. Aus dem herzigen kleinen Welpen, der momentan alle Sehnsüchte zu stillen verspricht, entwickelt sich ein Hund, der je nach Größe und Zuchtziel seiner Rasse ganz andere Ansprüche an sein Familienrudel stellen wird. Die oft sehr große Koinzidenz hinsichtlich Körperform, Gesichttsausdruck und Temperament zwischen Herr/Frau und Hund, wie sie auf jeder Hundeausstellung so überaus komisch in Erscheinung tritt und auch in jedem stadtnahen Park zu beobachten ist, zeigt, daß viele Hundehalter den zu ihnen passenden Hund gefunden haben. Andererseits gibt es groteske Gegenbeispiele. Beim Phlegmatiker mit seinem Foxterrier oder beim Pedanten mit dem Puli mag die Kombination ja noch einen therapeutischen Wert haben. Schlimmer wird es, wenn der Choleriker Windspiele oder andere sensible Hunde zu halten versucht, wenn die Stadtfamilie unbedingt Afghanen, wenn Nichtjäger Jagdhunde, kleine Menschen ganz große Hunde, Familienväter Kampfmaschinen, Wanderer bewegungsunfähige Hunde oder bewegungsfaule Menschen überagile halten wollen. Die Konflikte sind dann so gut wie vorprogrammiert. Dem angehenden Hundehalter sei daher dringend geraten, sich vor der Wahl einer Rasse genau zu überlegen, was er vom Hund erwartet und wie dieser die Erwartungen erfüllen kann. Niemand wird deshalb vornehmer, weil neben ihm ein Barsoi mit direkter Abstammung von den Hunden des russischen Zaren läuft, niemand dadurch stärker, daß er eine Dogge hält. Niemand kann durch seinen Hund sein Image verändern oder von ihm empfundene soziale Defizite ausgleichen. Hunde können nur im Rahmen ihrer hündischen Möglichkeiten die Welt des Menschen bereichern und dies auch nur dann, wenn der Mensch in der Lage ist, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Es entsteht eine wechselseitige Abhängigkeit, der man sich bewußt sein muß, bevor man einen Hund ins Haus holt.

Der vernachlässigte Hund

Im Wolfsrudel halten vor allem die Jungen und die ranghohen Alten eng zusammen. Je nach Nahrungsangebot können sich die Alten für Stunden bis ausnahmsweise auch mehrere Tage trennen und einzeln auf die Jagd gehen. Die Jungen bleiben dagegen ständig beisammen, oder sie schließen sich einem älteren Wolf an. Bis zum Alter von acht bis zehn Monaten ist daher ein Wolf nie allein. Sollte aus Versehen ein Welpe oder Jungwolf isoliert werden, ist sein Drang nach Rückkehr zu den anderen sehr groß. Er ist sehr unruhig, winselt stark und heult. Ähnlich verhalten sich junge Hunde. Bei einer Trennung vom Menschen oder von anderen Hunden konzentriert sich ihr ganzes Bestreben darauf, den Kontakt wiederherzustellen. Der isolierte Welpe leidet, auch wenn er, allein in der Wohnung oder im Zwinger eingesperrt, sich mit der Zeit ins Unvermeidliche fügt, nicht mehr lauthals jault oder bellt und nicht mehr alles verbeißt, dessen er in seiner Verzweiflung habhaft werden kann, nicht mehr an beweglichen Objekten reißt und zerrt oder dorthin kotet und uriniert, wo er es sonst nicht mehr tun würde. Sein Leiden wird still, nach innen gekehrt. Der ältere Hund hingegen kann sehr wohl allein sein an ihm bekannten Orten, im Haus, im Garten, im Zwinger, selbst im Auto, wenn er aus Erfahrung weiß, daß seine Bezugspersonen bald dorthin zurückkehren werden. Hundehaltung verpflichtet somit nicht nur, für Nahrung, geeignete Unterkunft und Auslauf zu sorgen, sondern auch für die sozialen Bedürfnisse des Tieres. Besonders beim jungen Hund bedarf es dafür viel Zeit. Hat man keine Möglichkeit, den Hund mitzunehmen, sollte man unbedingt dafür sorgen, daß der Junghund zu Hause nicht mehr als wenige Stunden am Tag allein gelassen wird. Der ältere Hund verträgt es dagegen ohne weiteres, am Tag oder nachts allein zu sein, wenn er rechtzeitig daran gewöhnt und wenn für seine sonstigen Bedürfnisse gesorgt ist. Regelmäßig allein gelassen zu sein fördert sogar seine Selbständigkeit und verhindert, daß er ständig an seinen Bezugspersonen »klebt» und - wenn doch einmal notgedrungen sich selbst überlassen - laut klagt und allerlei anstellt. Hier gilt es, den richtigen Mittelweg zwischen Vernachlässigung und Verhätschelung zu finden, wobei dieser für alle Beteiligten günstige Kompromiß eine Frage eher der Gewöhnung als einer dafür genetisch bedingten Prädisposition beim Hund ist. Wo die Toleranzgrenze zur sozialen Vernachlässigung uberschritten wird, dürfte rassenspezifisch unterschiedlich sein. Es gibt Hunde bestimmter Rassen, die man recht lange allein lassen kann, ohne daß es zu Störungen in den sozialen Beziehungen zwischen Herr/Frau und Hund kommt, andere, um die man sich eher kümmern muß. Soziale Bindung und Anhänglichkeit des Hundes sind weitgehend eine Funktion von Dauer und Art der sozialen Kontaktnahme zu seinen Bezugspersonen. Der sozial vernachlässigte Hund wird sich nicht so fest binden und, wenn möglich, eher anderswo nach Befriedigung seiner Bedürfnisse suchen. Schlimm ist es für den Zwingerhund, der nicht einmal das kann. Deshalb nimmt der fürsorgliche Hundehalter auf längere Reisen oder im Urlaub, wenn immer möglich, seinen Hund mit. Dies geht mit dem einigermaßen leidlichen Hund in den allermeisten Fällen erstaunlich problemlos. Wenn der Hund mal im Strandbad, im Restaurant oder im Hotel nicht gern gesehen wird, läßt man ihn einfach im Auto, wobei man allerdings auf Schatten und Frischluftzufuhr sorgsam achten muß. Große Hitze ist für jeden Hund schwer zu ertragen. Er besitzt ja keine Schweißdrüsen zur Thermoregulation, wie wir sie haben, sondern kann nur über das Hecheln einen Hitzestau vermeiden. Wenn man den Hund nicht auf die Reise mitnehmen kann, sollte man ihn, wenn es sich machen läßt, möglichst in seiner vertrauten Umgebung lassen. Hier wird er sich an die neue Pflegeperson eher gewöhnen als in der Tierpension oder bei Fremden. Doch auch dies ist letztendlich eine Frage der Gewöhnung. Solange man sich normalerweise ausreichend mit dem Hund abgibt, braucht man kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn man ihn für ein paar Wochen im Jahr allein läßt. Schließlich hat wohl auch der fürsorglichste Hundehalter Bedürfnisse, die sich nicht alle um den Hund drehen.

Der verhätschelte Hund

Damit wären wir bei dem Hund, dem der Mensch seine Fürsorge in einem solchen Ausmaß zukommen läßt, daß dadurch Grundbedürfnisse des Hundes mißachtet werden. Was soll der Hund in der Badewanne, pedikürt und parfümiert, ja womöglich sogar passend zur Frisur Frauchens eingefärbt, auf jeden Fall seines Eigengeruchs beraubt? Beim Hund wird die soziale Identität und Identifikation weitgehend geruchlich festgelegt. Bei uns macht das die Optik, die Kleidung. Und den menschlichen Waldläufer steckt man ja auch nicht in einen Frack, den Festredner in Badehosen. Was soll das Leibchen als Regenschutz, die Stiefel, der Nachtanzug auf dem Hund, der ein Fell und eine dicke subkutane Fettschicht hat, um sich vor Kälte und Nässe zu schützen? Welch ein Ausdruck völlig falsch verstandener Hundefürsorge und welche Qual für den Hund, der sich normalerweise jedes größeren Fremdkörpers im oder auf dem Fell zu entledigen trachtet. Meine Kinder ziehen manchmal den Hunden Hosen und Jacken an, setzen ihnen einen Hut auf und binden ihnen einen Schal um, damit sie etwas zu lachen haben. Das sieht tatsächlich auch komisch aus, vor allem der unsichere Blick des Hundes selbst, bis er sich der Sachen wieder entledigt hat und vor Freude die Kinder im Spiel stürmisch umrennt. Wenigstens diese haben ein Gespür dafür, daß ein Hund eben ein Hund ist und, wenn vermenschlicht, der Lächerlichkeit preisgegeben wird. ... Wozu aber brauchen »richtige« Hunde extra für sie in Flaschen abgefülltes Trinkwasser, aus Leder und Kalkmasse künstlich hergestellte Knochen, das peinlichst hygienisch abgepackte Futter? Der Hund ist wie sein Vorfahre ein opportunistischer carnevorer Allesfresser. Dazu gehört auch Aas. Was uns Menschen speiübel werden läßt, verträgt der Hund bestens. Wir haben zu unserem Schutz vor verdorbenen Lebensmitteln Gefühle des Ekels und des Schlechtwerdens entwickelt. Dem Hund fehlen diese Abwehrreaktionen, weil er sie nicht braucht. Er kann alles fressen, was er mag. ...

Der unerzogene Hund

Die Beziehung der Wölfe zu ihren Welpen ist fürsorglich, manchmal auch etwas gequält, aber immer sehr tolerant. Die Welpen wachsen in großer Freiheit und Ungezwungenheit auf. Erst wenn sie älter werden, müssen sie sich langsam in die festgelegte Ordnung des Rudels einfügen, eine Ordnung, die strikt hierarchisch organisiert ist. Die vorherrschenden Erziehungsmethoden von Kindern wechseln mit den Zeiten. Jede neue Elterngeneration macht es anders, und in jeder Elterngeneration gibt es auch die verschiedensten Ansichten dazu. Welche die richtige, für Kinder und für Erwachsene die beste ist, wer will das mit Sicherheit sagen? Gleiches gilt letztlich auch für die Erziehung des Hundes. Wie jemand mit seinem vierbeinigen Hausgenossen umgehen möchte, ist seine private Angelegenheit. Es sei denn, der Hund oder andere Menschen nehmen daran Schaden. Der völlig unterdrückte, der gequälte, der geprügelte Hund ist leider nach wie vor traurige Realität, die aber im Rahmen bestehender Tierschutzgesetze zu ahnden ist. Viel schwieriger wird es im umgekehrten Fall, wenn der unerzogene Hund zur Belastung anderer Menschen wird, wenn er durch sein ständiges Gebell die Ruhe stört, wenn er auf den Bürgersteig kotet, Blumenbeete zertrampelt, Sachen zerreißt, an jedermann hochspringt und seine dreckigen Pfoten, sein schlabberndes Maul ihre Spuren hinterlassen, er Hausgeflügel oder Schafe jagt, Katzen totbeißt, wildert, Menschen Angst einjagt oder sie gar verletzt. Nur der Jäger hat in diesem Fall das bei uns gesetzlich geregelte Recht, seine Interessen selbst durchzusetzen. (Daß mancher dabei dieses Recht allzu häufig mißbraucht, ist eine andere Sache.) Ansonsten werden nur im schlimmsten Fall hündische Vergehen zu einer Frage der Gerichtsbarkeit oder von Versicherungen. Meist aber ist man den Zöglingen unfähiger, nachlässiger und rücksichtsloser Hundehalter hilflos ausgesetzt. Jeder Hund, vor allem der noch junge, stellt einmal etwas an und wiederholt gar seine Untaten. Welcher Hundebesitzer ist wegen seines Hundes noch nie gescholten worden? Auch ich gehöre zu denjenigen, die nicht immer fähig sind, ihre Hunde unter Kontrolle zu halten. Das ist schlimm genug. Doch wirklich ärgerlich wird es, meine ich, wenn man nicht einmal willens ist, gegen die Unarten seines Hundes einzuschreiten.

Der aggressive Hund

Noch unzumutbarer sind die aggressiven Hunde und ihre Besitzer. Ob jagdlich, territorial oder sozial motiviert, interessiert in diesem Zusammenhang nicht. Jede Verletzung eines Menschen durch Hundebiß ist zu verurteilen. Solange wir Hunde halten, werden wir kleine Unfälle nicht gänzlich verhindern können. Die wirklich schweren oder gar tödlichen Unfälle aber dürfen und müssen nicht sein. Sie passieren in der überwiegenden Mehrzahl aller Fälle mit Hunden einiger weniger großer und auf aggressives Verhalten gezüchteter Rassen, in der Bundesrepublik vor allem mit dem Deutschen Schäferhund, schon allein deshalb, weil diese Rasse unter den großen Hunden besonders häufig ist, aber auch mit Rottweiler, Dobermann, Dogge, Hoverwart und anderen. Große Jagdhunde, Windhunde, ausgesprochene Gesellschaftshunde wie Airdaleterrier oder Königspudel, ja sogar die ganz großen Bernhardiner oder Irischen Wolfshunde erscheinen dagegen in der Unfallstatistik kaum. Ein großer Hund muß also nicht zwangsläufig auch ein gefährlicher Hund sein. Dafür können einige kleine Wüteriche wie zum Beispiel Fox oder Bullterrier, ja sogar Cocker Spaniel mit ihren genetischen Defekten zur Gefahr werden. Wozu brauchen wir heute noch den scharfen, den kampfstarken Hund? Ist nicht schon genug Unheil mit allzu aggressiven Hunden passiert, ganz zu schweigen von der geschilderten Ideologie, von der Mentalität und der brutalen Menscher Verachtung, die sich hinter der Zucht, der Ausbildung und der Haltung solcher Hunde verbirgt? Niemand ist gezwungen, sein Eigentum mit Hilfe reißender Bestien zu schützen. Für den geübten Einbrecher sind sie ohnehin kein Hindernis. Auch der Personenschutz bedarf wohl solcher gefährlichen Waffen nicht. Jedenfalls dürften ungleich viel mehr Menschen durch Hunde verletzt worden sein, als daß Hunde Übergriffen oder Verletzungen vorgebeugt haben (was wohl nicht minder für andere Waffen zutrifft). Auch Polizei, Zoll, Grenzschutz brauchen keine »Kampfhunde«. Spur-, Rauschgift-, Lawinen-, Wach- oder Katastrophenhunde - gut, aber keine Hunde, die Menschen angreifen! Die Hundestaffeln mit mannscharf ausgebildeten Hunden demonstrieren mehr Relikte einer noch nicht bewältigten autokratischen Vergangenheit als tatsachlichen Polizeibedarf. Sachgemäß geführt, werden solcherart abgerichtete Hunde zwar meist unter Kontrolle gehalten. Aber dadurch werden viele im wahrsten Sinne des Wortes »Halbstarke« angeregt, sich ebenfalls scharfe Hunde zuzulegen, mit denen sie dann nicht mehr fertig werden. Das ist die größte Gefahr. Nicht der gut ausgebildete und geführte Schutzhund. Doch vorbildliches Verhalten des Beamten, des verantwortlichen Hundeführers, des Hundesportvereins, der Zuchtverbände verlangt auch, daß man alle Eventualitäten berücksichtigt und endlich erkennt, welcher Geist hier noch Denken und Handeln bestimmt. In den letzten Jahren ist im Zusammenhang mit Unfällen durch wütende Hunde wiederholt der Führerschein für Hundehalter gefordert worden, eine - wie ich meine - in ihren Konsequenzen undurchdachte Forderung. Man kann doch wohl nicht dem Dackel-, dem Pudel-, dem normalen Hundehalter einen Kursus, eine Prüfung, Scheine mit Stempeln und Verlängerungen abverlangen! Wo aber verläuft dann die Grenze zwischen ungefährlicher, führerscheinfreier und gefährlicher, führerscheinpflichtiger Hundehaltung? Und vor allem: Wer soll die Ausbildung und Prüfung der angehenden Führer gefährlicher Hunde durchführen? Die Schutzhund- und Hundesportverbände etwa? Mir scheint, die Mehrzahl aller normalen Hundehalter hat eine natürlichere und zweckdienlichere Einstellung zu ihren Hunden als viele Verbandsfunktionäre mit ihrer auf eine oder wenige Rassen beschränkten verbandsinternen, vielfach von der Normalität weit abgehobenen Sicht. Doch auch hier gehen die Meinungen inzwischen auseinander. Viele lehnen heute das Abrichten ihrer Hunde auf Menschen ab. Sollen die Vertreter dieser positiven Entwicklung im Hundesport für die Prüfungen legitimiert werden oder diejenigen, die nach wie vor am mannscharfen Hund in Zucht und Ausbildung festhalten? Oder sollen es gar neu einzurichtende staatliche Stellen sein? Nein, ein solcher Schein wäre nichts als Augenwischerei, nichts als »Schein« für den, der glaubt, staatlich verordnete Maßnahmen könnten unser Leben in allen Einzelheiten regeln. Es würde die Haltung überaggressiver Hunde letztlich legitimieren statt umgekehrt, sie zu verhindern. Es wäre der ohnehin zwecklose Versuch, an Symptomen zu kurieren. Was wirklich not täte, wäre vielmehr eine kritische Auseinandersetzung der deutschen Kynologie mit ihrer geistigen Erbschaft, zu der unter anderem auch die unsägliche Verehrung des aggressiven Hundes gehört. Erst wenn jedermann klar ist, welch lächerliche Großmannssucht sich hinter den gebleckten Zähnen der Bestie verbirgt, werden überall Hunde wieder als das gezüchtet und gehalten, was sie seit jeher mehr als alles andere auszeichnet: als freundliche und handhabbare Begleiter des Menschen.